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Hans Lauter

 

Hans Lauter

Hans Lauter - vom Wartburg zum VW

Übermäßig Fett hat er nie angesetzt. Immer erscheint er grazil, hurtig, schlank, behend - ein Sportlertyp, nun hochbetagt. Größe, Format und Charakter der Gratulanten beim baldigen Neunzigsten lässt sich nur schwer beurteilen, schon gar nicht vorab. Wie auf seinem turbulenten, wechselhaften und dennoch geradlinigen Lebensweg mag sich da sehr viel Sinn und Hintersinn fügen, der Kometschweif zeitweiliger Widersacher oder Nutznießer chamäleonisch erscheinen. Hans Lauter hat mich in seiner Haltung, seinem Umgang mit Irrwegen nie enttäuscht: Lieber hält er ein Notizbuch mit sorgfältig abgewogenen Fakten zu einem Thema bereit, als dass er sich unvorbereitet und schon gar nicht unentschieden verhielte und äußerte. Ein Chemnitzer Charakter. Dass Lauter zu den redlichen Rednern am Marx-Monument 89/90 zählte, als andere nahebei hinter alten Türen um den trockenen Übergang in die Illegalität fiebernd fürchteten, hat ihm bei vielen weitere Wertschätzung gebracht: Er sprach als Verfolgter des Naziregimes mit dem Spektrum der Leidenserfahrungen, als Opfer des Faschismus, deren Landesvorsitzender er dann lange noch war, rasch bundesweit agierend.
Im Neruda-Klub hatten wir uns Mitte der 70er Jahre kennengelernt. Er war Professor der TU, Gesellschaftswissenschaftler. "Mathematik habe ich in Waldheim studiert", erwähnte er seine Bildungshöhe.
Erst unlängst saß er aufrecht in der Bundesversammlung, die über die Person des neuen Bundespräsidenten entschied. Hat Lauter dann Köhler beglückwünscht? Unumstritten war und ist er nicht, hatte im Focus der Geschichte eben auch noch eine Leiche im Keller. Da half es nichts, dass Hans Lauter in allen offiziellen Biografien die "Konflikte in Fragen der Intelligenzpolitik, besonders gegenüber der Universität" hervorheben ließ, und es leicht zu erraten war, dass damit seine Konfrontation mit dem Leipziger Parteichef Paul Fröhlich gemeint sein musste. Hans Lauter kam damals in seine Geburtsstadt an der Chemnitz zurück, arbeitete als TU-Professor und hatte sein Gerechtigkeitsfeld in den örtlichen Kommissionen zur Geschichte der Arbeiterbewegung gefunden: Bis weit in die 90er Jahre kutschierte er seinen Wartburg durch den bundesdeutschen Verkehr, fährt immer noch unfallfrei - heute längst VW.
Hans Lauter referierte für die Verfolgten des Naziregimes, vor 1990, nach 1990. Zehn Jahre lang hatte er in Moorlagern und in den Zuchthaus-Zellen der Hitlerzeit mit viel Schmerz und Standhaftigkeit überlebt. In der Landesgeschichte des 20. Jahrhunderts kannte er sich aus, drahtig, bedacht, präzise nach seinem Format. Das hatte er wohl als Sportenthusiast mit Funktion in der Arbeiterjugendbewegung von der Pike auf gelernt. Sein Lehrbetrieb war "Kreyssel" an der Zwickauer Straße, eine große Glasveredlungsfirma in Sachen Schliff und Schnitt und Werbekraft. Längst fahren dort Straßenbahnen, Höhe Industriemuseum.
Später hatte der Glasschleifer dann in Berliner Funktionen zu tun. Sein Referat zur ZK-Formalismuspolitik, gängige Überspitzungen und Falschbewertungen inclusive, fußte ersichtlich auf der engen Nachkriegslage noch ferner Souveränität in Ost und West, mit strikter Orientierung auf die Sowjet-Alliierten, die ja unbestritten den opferreichsten Beitrag zum Befreiungssieg über Hitlerdeutschland geleistet hatten.
Die Broschüre mit dem Wortlaut braucht er sich nicht in der Stadtbibliothek ausleihen - er kennt sie. Und muss mit seinen Entscheidungen leben. Der nun fast 90jährige Hans aus dem Ostviertel - zuerst kurz in Niederhermersdorf (Adelsberg) zu Hause - hat ganz andere Sachen durchgestanden. Lauter. Kein Pseudonym: "Vater stammte aus Schlesien und war Maschinenformer bei Schubert & Salzer." Mit solchem Namen kann man leben.
Man liest ihn auch in der dreibändigen Autobiografie des Dresdner Theaterintendanten Martin Hellberg (Henschel 1980: "Mit scharfer Optik"). Dort war erstmals ein Hinweis auf hohe Ebenen zu erkennen: "Eines Tages erschienen Hans Lauter und Hermann Axen bei mir, um mir die Position des Künstlerischen Direktors der DEFA anzutragen", heißt es bei Hellberg. Hans Lauter, war das Hans Lauter aus dem Neruda-Klub? Seine Frau erinnert sich ohne Zögern: "Jaja, das war die Zeit, als er abends dicke Drehbücher mit nach Hause brachte, über die bald darauf im Filmaktiv der DEFA zu befinden war. Das war bestimmt mein Hans." Danach führte dann eine Zeitungsseite für das "Sächsische Tageblatt" zu Hans Lauters Anteil an der DEFA-Arbeit als Alternative zur westdeutschen Filmproduktion der frühen Nachkriegszeit.
Irgendwo muss diese Zeitungsseite abgeblieben sein. Wenn sie sich findet, hat der Gratulant gleich ein Geburtstagspräsent für den Jugend-, Sport- und Menschenfreund Hans von der Planitzstraße mit den unauslöschlichen Unterschriften unter Reden, Plänen und Dokumenten. Was für ein Leben!

 

Quelle: Stadtstreicher Chemnitz, Addi Jacobi