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Dr. Rudolf Ziel

 

Dr. Rudolf Ziel

Landgerichtspräsident in Chemnitz bis 1933 und ab 1946

Als unanfechtbarer Liberaler wechselte Dr. Ziel Anfang der fünfziger Jahre von Chemnitz über West-Berlin nach Frankfurt und Bonn. In den frühen Zeiten alliierter Besatzung hatte er wohl darauf gebaut, für Sachsen an einer wirklichen Erneuerung nach der nationalsozialistischen Diktatur mitarbeiten zu können. Auf seinem Gebiet, der Justiz, hoffte er fest darauf, "die Richterschaft von Grund aus zu regenerieren", um nicht wieder "in die Zustände hinein (zu) schlittern, die sich den vierzehn Jahren der Weimarer Republik gezeigt hatten." Die Ansprache Dr. Ziels vor den Richtern des Landgerichts Chemnitz am 16. Oktober 1946, der dieses Wort entstammt, ist reich an Maximen, die den damals 66jährigen erfüllten und wert, auch heute in dem Chemnitzer Justizsälen in vollem Wortlaut zum alltäglichen Vor-Halt für Jedermann und alle Bediensteten einen Ehrenplatz einzunehmen. Der gebürtige Dresdner, im November 1918 einer der Mitbegründer der Demokratischen Partei, hatte 1923 nach wichtigen Strafanwaltsjahren in Leipzig die Präsidentschaft in Chemnitz angetreten und seine Dienstwohnung Gerichtsstraße, direkt über dem Portalbogen und unter der krönenden Justitia, bezogen. Minister Erich Zeigner, der Sozialdemokrat, hatte ihn ernannt. "Am 8. März 1933 wurde mein Vater", so heißt es in den Erinnerungen der in Hamburg lebenden Tochter Marianne, "in seinem Dienstzimmer von SA-Leuten seines Dienstes enthoben." Und sie kommentiert: "Das war natürlich Wildwestmanier, aber sie wurde von einem rückwirkenden Gesetz - ,wegen politischer Unzuverlässigkeit‘" - er war liberaler Demokrat - "legalisiert, wie das in autoritären Staaten so gemacht wird." In dem ihm bis dahin noch unterstehenden Gefängnis hatte er nun ,Schutzhaft‘ zu ertragen.

Dr. Ziel verließ Chemnitz. Als bevorzugten Ferienplatz hatte der Rechtsanwalt schon als junger Referendar am Fischland Gefallen gefunden und in Ahrenshoop seit 1903 oft Quartier genommen. Selbst die Hochzeitsfeier zur Vermählung mit seiner (später um die "Chemnitzer Kunsthütte" an der Seite Friedrich Schreiber-Weigands vielfältig verdient gewordenen) Otty Kaysel wurde in Darß-Nähe anberaumt. Erlesen interessiert, gewann das Haus Ziel auch beste Kontakte zum Verlag Reclam, dessen Rechtsberater er war, wie auch zu den Verlagen S. Fischer und Suhrkamp. Als dann 1933 besagte Dienstwohnung Gerichtsstraße für den NS-Nachfolger geräumt werden mußte, fand sich in Ahrenshoop, Dorfstraße 14, jene Bleibe, in der Otty und Rudolf bis 1946 Zuflucht nahmen.
Mit 53 Jahren war Dr. Ziel arbeitslos, mit Berufsverbot belegt und mit "strafverkürzter" niedriger Pension abgespeist. Allgegenwärtig mannigfache Ängste vor Denunzianten und Gestapo-Folgen, denn Frau Otty, "mit Malerblick und Künstlerherzen", war durch die Rassengesetzgebung des NS-Staates als "Halbjüdin" in permanenter Gefahr.

Gute Nachbarn halfen mit Umsicht in Ahrenshoop, die Familie zu schützen und gar ein kirchengeschichtliches Thema ausfindig zu machen, dem sich Dr. Ziel in Studien widmen konnte, um achtbare Texte unter Umgehen der Reichsschrifttumskammer in Druck zu geben. Gerhard Marcks und Fritz Koch-Gotha zählten zum hilfreichen Kreis in Ziels Nähe.
Gleich nach Kriegsende konnte sich das Ehepaar zuerst lehrend am provisorischen Unterricht beteiligen, der für Flüchtlingskinder und Ansässige in Ahrenshoop eingerichtet wurde. Mutter habe begeistert Zeichenunterricht gegeben, der promovierte Jurist "in Mathematik, in Latein, in Deutsch und in Geschichte unterrichtet," schreibt Marianne Clemens, übrigens die Schwiegertochter von Prof. Dr. Paul Clemens, Chefarzt des Küchwald-Krankenhauses, mit Villa in der Kanzlerstraße. "1946 wurde mein Vater auf seinen früheren Posten als Landgerichtspräsident in Chemnitz zurückgeholt." Hier wurde er auch Kreisvorsitzender der LDP, bis er der sowjetischen Kommandantur suspekt erschien.

Von seinem Lebensabend in der Frontstadt Berlin wird noch manche Sentenz und Begebenheit in die Erinnerung zu rufen sein, so über die vier USA-Jahre und die Tätigkeit im Bundesministerium für Justitz (Ressort Ostrecht) bei Minister Thomas Dehler (FDP).
Dr. Ziels Lebensweg endete am 13. Mai 1964. Sein Grab in West-Berlin pflegen seither die Nachkommen in Ost und West. Staatsanwaltschaft und Chemnitzer Richterstand sollten Wege finden, Dr. Ziels Vermächtnis am Ort seines achtunggebietenden Wirkens stets zu entsprechen.

 

Quelle: Stadtstreicher Chemnitz, Addi Jacobi

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