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Willy Schumann

Dr. Willy Schumann

Rechtsanwalt und mehr - im Kreise namhafter Chemnitzer Juristen

Es scheint, als wolle sich der Redner entschuldigen für das Wenige und kaum Sensationelle, das er vorzutragen hat über das Wirken des Mannes. Der Jurist habe in einer ganz normalen Anwaltskanzlei "Scheidungen ebenso betreut wie politisch motivierte Eigentumsfragen", sei im Grunde weit weniger spektakulär als solche Chemnitzer Juristen wie Justizrat Dr. Enzmann oder Dr. Walter Abigt, Dr. Wilhelm André als allererster Oberbürgermeister der Stadt und Patentrechtler von europäischem Format oder Dr. Heinrich Beck, nach seiner Chemnitzer Zeit ab 1907 sächsischer Kultusminister. Nein, Dr. Schumann werde auf Dauer bemerkenswert durch seine - wie er sagt - "Verortung" in der Chemnitzer Gesellschaft: "Freundschaftliche Beziehungen entwickelt der arrivierte Anwalt zur Fabrikantenfamilie Flade (Hauptgeschäft am Markt, heute Grundstück "Zum Türmer"), zu Augenarzt Dr. Velhagen, zum benachbarten Kunstsammler Heumann, zur Kaufmannsfamilie Scholvin vis-á-vis, schließlich zu Landgerichtsdirektor Justizrat Dr. Ziel.
Dr. jur. Arthur Weiner war nicht nur Schumanns Sozius und Kanzleikollege, er amtierte über zwei Jahrzehnte als stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Uwe Fiedler hat aus einem Sommer-Gespräch 2000 im Beisein des Autors am Tisch der hochbetagten Witwe Schumann eine Fülle von Hinweisen zur Biografie, auf Charakter und Stellung Dr. Schumanns zusammengetragen, auf die er unlängst in der "Neuen Sächsischen Galerie" verwies. "Alle Kontakte und Beziehungen, die einerseits Lebensqualität und Lebensgewohnheit Willy Schumanns ausmachen, werden jedoch bald zur Gefahr, als nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten viele der geschätzten Bekannten und Freunde verfolgt, verdrängt und vertrieben werden," summiert Fiedler.

Der Vize-Museumschef vom Schloßbergmuseum hatte eingangs auf die verdienstvolle Existenz des niedergelassenen Rechtsanwalts und Notars mit Kanzlei in der exklusiven Friedrich-August-Straße und später mit der noblen Villen-Wohnung in der Kaßbergstraße verwiesen. Witwe Schumann - man liest von ihr auch im Kaßbergbuch Tilo Richters - hat die Büste ihres Mannes, eine Plastik Heinrich Brenners, in einem freundlichen Akt den Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz übergeben, wo sie jetzt kompetent verwahrt werden darf. Hinter der hohen Stirn, die der Künstler nachmodellierte, waren die Gedanken an eine humanistische Bürgergesellschaft zu Hause, für die sich Schumann oft und selbstlos verwendete. Ein weiterer Jurist aus der vertrauten Runde Dr. Schumanns war Dr. Helmut Brückner, ein Experte des Zivil- und Familienrechts, dem es gelang, vom Kaiserreich bis in die frühen DDR-Jahrzehnte im Gerichtsgebäude auf der Hohen Straße in Diensten zu stehen. Brückner - im Dezember wird er zu einer Sonderveranstaltung unserer Reihe eingeladen - war außerdem Kunstsammler, Veduten-Maler, Fotograf und Schöngeist, dessen Schenkungen und Vermächtnisse "Kunstsammlungen und Schloßbergmuseum nicht unerhebliche Bestandszugänge" (Fiedler) verdanken.

Dr. Weiner kann man nicht erwähnen, ohne auf sein Schicksal zu verweisen. "Schumanns Sozius wird 1933 von Zivilbeamten, die ihn in seiner Wohnung an der Stollberger Straße aufsuchen, gebeten, sie `zwecks einer Aussage‘ zu begleiten. Weiner bleibt daraufhin verschollen. Seine Frau wandte sich an Willy Schumann mit der Bitte, beim Polizeichef von Chemnitz, mit dem Schumann ebenfalls befreundet ist, nach dem Verbleib ihres Mannes zu forschen. Wenig später erhalten sie traurige Gewissheit: Der Jurist, Frontoffizier im 1. Weltkrieg, Träger des Eisernen Kreuzes, ist von den Nazis hinterrücks erschossen worden. "Er ist das erste jüdische Todesopfer nach der Machtergreifung der NSDAP." Wir notierten bei Frau Schumann: Willy Schumann vertritt in den Folgejahren vielfach jüdische Klienten, muss als deren Anwalt sogar direkt bei Dr. Thümmler, dem Chef der Chemnitzer Gestapo, intervenieren. Diese Kontakte belasten Schumann. Belastend auch die Tatsache, dass viele seiner Bekannten ab 1939 durch den gelben Stern gebrandmarkt sind. Trotz aller gebotenen Vorsicht lassen Schumann und seine Frau die Kontakte zu den jüdischen Bekannten nie abreißen. Wir resümieren, dass all das vielleicht zuerst unspektakulär erscheinen mag. Doch hat es vor dem historischen Hintergrund beträchtliches Gewicht und bleibt im Stadtgedächtnis auf Dauer bewahrenswert.

 

Quelle: Stadtstreicher Chemnitz, Addi Jacobi

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