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Emil Oscar Richter

 

Emil Oscar Richter

Sekundant vieler Konstrukteur-Generationen

Als er vor 90 Jahren starb, es war Mitte Juni, stand seine Firma im 30. Jahr. Er gründete die später größte und bedeutendste Reißzeugfabrik der Wekt im 34. Lebensjahr. 64 ist er geworden, doch was hat er daraus gemacht! Vom Königlich Sächsischen Patentamt bekam er die Punktierfeder und den Nullenzirkel patentiert, erfand Feder- und Stabzirkel, dazu den "Originellen Punktier- und Schraffierapparat" und konstruktive Verbesserungen für die Lithografen. Das "Chemnitzer Schulreißzeug" für Volks- und Fachschulen brachte seiner Fabrik in der Melanchtonstraße 4 üppiges Wachstum. Selbst die Embalagen fertigte er nach dem Motto "Selbst ist der Mann" in einer eigens errichteten Etuifabrik. Ein "gebürtiger" Chemnitzer war auch Richter nicht, aus Schlettau hatte es ihn vielmehr hierher gebracht, der vielen Fachleute, des frühen Präzisionsniveaus der Männer in den Werkstätten wegen, gewiss. Anfangs nahm er in seiner Uhrmacherwerkstatt in der Poststraße, man denke sie sich im mittleren Schaufenster des Kaufhof-Kaufhauses Bahnhofstraße, die herkömmliche Zirkelfabrikation auf, vergrößerte sich schon 1879 in der Turnstraße, zählte zur Jahrhundertwende 124 Arbeiter und Beamte.

Der springende Punkt seines Erfolgs war wohl der Materialaustausch. Anstelle Messings wurde von Richter Neusilber eingesetzt, härter und also widerstandsfähiger. 1892 entwickelte er das Flachsystem, mit dem er sich weltweit in der Reißzeugindsutrie unersetzbar machte. Gewusst wie! Die E.O. Richer & Co. GmbH, Chemnitz setzte sich auch später, nach des Firmengründers Tod, mit Spitzenerzeugnissen des Präzisionsinstrumentenbaus durch, beeinträchtigt auf Zeit allein durch Krieg und Wirtschaftskrisen. Das Besondere an Richters Nullenzirkel war die feststehende Achse. Patentwert! "Epochemachend", bewertete ein Historiker vor über 50 Jahren, waren die weiteren Neuheiten Richters, wie die Zirkelkopf-Geradeführung, das Kreuzscharnier und das vielgepriesene Flachsystem, das erstmals die Zirkelfabrikation auf maschinelle Präzisions-Massenherstellung umzustellen erlaubte. Keine frage, dass Richters Reißzeugfabrik anderen Chemnitzer Fabrikationen, etwa der Fahrzeug- oder erst recht der Büromaschinenproduktion, zur Kaderschmiede gedieh, um auch dieses Wort einmal unbelastet von zeitweiligen Gebrauch anderer Lesart zu benutzen. Richter-Reißzeuge wurden zum Standardsystem für die ganze technische Welt des 20. Jahrhunderts. Wer der "befreundete Chemnitzer Architekt" war, der Richter anregte, die als mangelhaft empfundenen Zeichengeräte markant zu verbessern, wird noch zu ergründen sein. Er jedenfalls gab den Anstoß, die ausländische Konkurrenz geschickt auszuschalten. Ein heute erneut dringend nötiges Chemnitzer Rezept,darf man anmerken.

Bei Kriegsende 1945 lag das Richter-Werk bis auf das Betonskelett des Verwaltungsgebäudes in Schutt und Asche, wurde erst später zum Ausgangspunkt der wiederstehenden Reißzeugfabrik. Eine Ausweichfabrikation in Thalheim, zunächst für Haushaltartikel, hielt die Firma am Leben, so dass zum 75. Firmenjubiläum bereits mit dem Wiederaufbaustolz die Lieferung von Chemnitzer Reißzeugen "nach allen Teilen Deutschlands, Europas und nach Übersee" mitgeteilt werden konnte. Die Festschrift vom Oktober 9150 verspricht, das Werk Emil Oscar Richters wieder zu seiner alten Größe zu entwickeln. Die Geschäftsführer Paul Erber und Herbert Klausner "hoffen weiterhin unerschütterlich, dass der Tag nicht mehr fern sein wird, an dem wir wieder einer gesamtdeutschen Wirtschaft dienen können". Es bedurfte vierzig Jahre; nicht viele aus der Belegschaft von 1950 haben es erlebt. Wo immer ein Konstrukteur zum Nullenzirkel griff, er kam ohne diese Erfindung des Chemnitzer Fabrikanten nicht aus. Erst im Computerzeitalter ist sie bei kleinsten Kreisen überflüssig geworden. Doch als es galt, Computer auf die Reißbretter zu bringen, war E. O. Richters Nullenzirkel noch fest im Spiel. Hut ab!

 

Quelle: Stadtstreicher Chemnitz, Addi Jacobi

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