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Heinrich Brandler


 

Heinrich Brandler

Ungeahnte Konsequenzen eines Gewerkschaftsbeamten

Der Sozialdemokrat Heinrich Brandler, der lange in der Chemnitzer Innenstadt und in den Proletariervierteln zu Hause war, leistet sich den Irrtum eines extrem linken Intermezzos. Steil der Anstieg vom beherzten Gewerkschafter zum Chemnitzer "Kämpfer"-Herausgeber und bald gar Reichschef der Kommunisten. Dies Zwischenspiel währte kaum zehn Jahre in einem 86jährigen Dasein: In zwei Strafstufen trennte sich die KPD von dem permanenten Rebell wegen "rechtsopportunistischer Fraktionstätigkeit": 1924 ZK-Ausschluss, 1928 Parteiausschluss. Brandler war ein vitaler Chemnitzer, Polemik war sein Idol. Nach dem Chemnitzer "Kämpfer" begründete er "Die Arbeiterpolitik" und die Wochenschrift "Gegen den Strom" als Organe der "KP O", die sich gegen das Thälmann-ZK und gegen Kointern-Politik 1928 formierte, zuerst zusammengesetzt von Leuten, die aus der Spartakus-Nachfolgepartei kamen. Brandler gilt als der einzige Hiesige bislang, der vom Chemnitzufer aus, der Rochlitzer Straße 8, bis hinauf ins Amt einer deutschlandweiten Partei gelangte. Auch stand er zeitweilig der sächischen Staatskanzlei in Dresden vor, als dort Fritz Heckert als Staatsminister für Wirtschaft begann. Und wenn man sich auf Familie Meyer verlässt, kam es exakt durch Heinrich Brandler, der zuvor gerade einer Festungshaft entsprungen war, in Moskau zu einem Gespräch zwischen Heckert und Uljanow (alias Lenin), an dem auch Ernst Reuter teilnahm, freilich damals gleichfalls ein 'Alias': Als KPD-Mann hieß Reuter Ernst Friesland, wechselte erst später zur SPD.
Auch Brandlers Gründung von 1928 half der illusionären Weltrevolution nicht weiter, er sollte nach dem Willen bestimmter Parteigrößten als Opportunist gelten, der "die Partei an der Lösung ihrer Aufgabe gehindert" habe. Jahrzehnte fiel sein Name nur mit dem Schimpf der "parteifeindlichen Brandler-Thalheimer-Gruppe".
Seit 1933 zählte Brandler zu den deutschen Emigranten auf Kuba, in London und Frankreich, kehrte 1948 für noch fast zwei Jahrzehnte nach Deutschland zurück und starb am 26. September 1967 in Hamburg. Der hiesige Blätterwald umging Referenzen aller Größe. So viele Lokalbezüge es auch gab: Als Anfang Dezember 1918 die kaiserlichen Ulanen in ihre Chemnitzer Garnision heimkamen, wichen sie angesichts der Lage zuerst nach Mittweida aus, so dass Gewerkschaftsbeamter Brandler das Hotel "Continental" am Hauptbahnhof komplett in den Verteidigungszustand versetzen konnte. Dort im improvisierten Sitz des "Arbeiter- und Soldatenrates" wurden von ihm alle Anwesenden bewaffnet und sämtliche Fenster der Straßenfront mit MGs besetzt. Später bremste Brandler den Anarchisten Max Hoelz kraft Amtes, als jener im Vogtland vorging und hatte auch das Kreuz, als dies vergeblich blieb, Hoelz aus dem "roten Vortrupp" auszuschließen, exakt am 7. 4. 1920 im Volkshaus Chemnitz. Nachträglich, lenkt Hoelz ein, akzeptiert er Brandlers Autorität. Da kann auch Brandler tolerieren. Im Oktober 1923 kommt es zur "Chemnitzer Konferenz" im Volkshaussaal, dem heutigen "Kraftwerk". Hier sollte ein reichsweiter Generalstreik ausgerufen werden, der den schon eingefädelten Hamburger Aufstand zu multiplizieren hatte. Heinrich Brandlers Rede fand zu wenig radikale Resonanz, so dass später gern das Hamburger Scheitern Brandlers Verhalten angerechnet wurde, Überlieferungen geben Aufschluss. Schon geübt im Umgang mit Disziplinarverfahren, schließt ihn 1929 auch die KPDSU (!) aus, für die er eine "Bauerninternationale" installieren wollte.
Heute frei zugängliche Literatur führt zu frischen Einzelheiten: Herbert Wehner kommt in "Zeugnis" auf konstruktive Kontakte mit Heinrich Brandler zur Untersützung der Familien politischer Gefangener und bei gegenseitiger Unterstützung gegen die Gestapo zu sprechen. Da hat die Moskauer Zentrale auf Brandlers Kontakte und gute Dienste nicht verzichten können. Reichstagspräsident Heinrich Stampfer berichtet in seinem Memoirenband auch die marginale Begebenheit, der Chemnitzer sei "von seinen Radikalinskis als 'Karpfenminister' verhöhnt" worden, "weil er die staatlichen Fischteiche für die Erwerbslosen hatte abfischen lassen." So hatte er also Allgemeinnutz verstanden. Wie Brandler aber "in großem Bogen aus der Zentrale" hinausgeflogen ist, wie Stampfer 1936 in Prag schreibt, bleibt ein nach wie vor lehrreiches Kapitel linkslastiger Kaderkultur. Das kommunistische Intermezzo hat Brandler allenfalls Erfahrungen gebracht. Uns auch.

 

 Quelle: Stadtstreicher Chemnitz, Addi Jacobi

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