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Daisy Weber

Daisy Weber

Aus der neuen Welt oder Verbundwerkstoffe und Bratschenschlüssel gleichauf

Mit einer Interpretation der Dvorák-Sinfonie "Aus der neuen Welt" (Nr. 9) gastiert das Sächsische Sinfonieorchester e.V. Chemnitz in diesem Sommer in Japan und folgt einer kostspieligen Einladung in den Konzertsaal Hachioji, einem Textilstandort nahe Tokio. Das Liebhaberorchester mit einem Altersspektrum zwischen 13 und 79 Jahren, mit auffallend verjüngtem Blech und hinzu gekommenen Mitgliedern, die nun gar auf eigene Rechnung aus dem Freiberger und dem Dresdner Raum zu Proben und Konzerten in die Chemnitzer Stadthalle kommen, wird von Andreas Grohmann dirigiert. "Den Bratschen mein Kompliment," hören wir von dem Musikdirektor.

Am ersten Pult der Bratschen sitzt Daisy Weber, Doktor Daisy Weber, von Haus aus Universitätsangestellte am Chemnitzer Lehrstuhl für Verbundwerkstoffe, korrekt: "wissenschaftliche Mitarbeiterin für Lehre und Forschung". Dazu hat sie 1988 promoviert und begann sogleich bei "Textima-Elektronik Karl-Marx-Stadt."
Es gibt Persönlichkeiten, die mit ihrem Weg Stadtkulturgeschichte mitgeschrieben haben. Daisy Weber gehört dazu. Als junges Mädchen übte sie Violine in der "Städtischen Musikschule", bis ihr Direktor Walter Schindler damals pädagogisch gewitzt die Bratsche ans Herz legte: "Wir brauchen Bratschen", wohl wissend, dass dieses Instrument anders, schwieriger handhabbar, anstrengender für sie sein und bleiben wird. Schindler hatte die Weichen gestellt, zuerst im Interesse seines "Jugendsinfonieorchesters."

1980 wechselte Daisy mit aller Spielfreude, Bratsche und einigen ihrer Freunde in das angesehene Arbeitersinfonieorchester Karl-Marx-Stadt und wurde dort nach dem DDR-Konkurs zur rettenden Vorstandsvorsitzenden für die Zukunft. Ihr Vorgänger Günter Muck konnte managen im alten Fahrwasser. Das taugte nicht mehr. So kam es zwischen Juni und August 1991 zum Kassensturz und zum Start einer Aufbauarbeit völlig anderer Art. Dr. Daisy Weber hatte in der Wendezeit den Chemnitzer Behindertenverband mitgegründet und dabei auch viel vom 1 x 1 des Vereinsdaseins gelernt, nicht zuletzt, wie man Leute zusammenhält und dass fortan alles von jedem selbst "aus Spaß an der Freud" gemacht werden muss: Im Ehrenamt.

Einen bezahlten Geschäftsführer gab es nie und gibt es nicht, so zeichnet sie als "geschäftsführende Vorstandsvorsitzende" - statutgerecht alle zwei Jahre neu gewählt. Und hat das Ganze sicher im Blick. Die Schriftführer registrieren alle Makel, aber allezeit ist sie das Optimum. Fraulich, energisch, resolut, selbstbewusst, verletzlich, stark. Kummer aller Kaliber steckt sie unmerklich für Jedermann weg. Scheinbar unerschütterlich steht die Geschäftsführerin in der Brandung von Register- und Gesamtproben, bei städtischen und sonstigen Ämtern, Sponsorenkontakten und universitären Lehrthemen mit Studenten aller Generationen. "Orchestermutti" hört man hinter vorgehaltener Hand. Und dazu gibt es vier Jungs aus eigenem Schoß: Björn, Pitt, Rick, Colin. "Vier Jungen zwischen 31 und 16 - das volle Programm!" Und Pitt schwerstbehindert.

Daisy Webers Bratsche (Spezialmensur maßgefertigt) begleitete sie seit Jahrzehnten. Sie war 1994 mit in Wuppertal bei den Freunden vom dortigen Liebhaberorchester, war mit in Frankreich (2006), Italien (2001 und 2004), zuvor in Ungarn und Polen, an der Moldau und 1986 an der Wolga. Zu ihrem ersten Japan-Engagement kamen die Chemnitzer SSO-Philharmoniker nach einer bundesweiten Ausschreibung; eine dritte Einladung zu erhalten, sei für die japanische Mentalität ungewöhnlich. Nun aber Realität. Und der spendable Gastgeber habe seinen speziellen Wunsch nach Dvoráks Neunter mit Herzlichkeit erneuert, vielleicht als Herausforderung für das Liebhaberorchester.

 

Quelle: Stadtstreicher Chemnitz, Addi Jacobi

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